Not-Halt

Not-Halt ist eine ergänzende Schutzmaßnahme und ersetzt in keinem Fall eine konstruktive Veränderung der Maschine oder zusätzliche Schutzmaßnahmen zur Risikominderung. Zweck der Not-Halt-Funktion ist es, Notfallsituation zu verhindern, die sich aus dem Verhalten von Personen oder unerwarteten Gefährdungsereignissen ergeben.

 „Not-Halt“ beschreibt das sichere Anhalten von gefährlichen Bewegungen, während „Not-Aus“ die sichere Abschaltung eines Energieflusses meint. Nach einem Not-Halt ist deshalb nicht zwangsläufig auch die Energieversorgung, z.B. die Versorgungsspannung eines elektrischen Antriebs, abgeschaltet. Not-Halt kann auch rein steuerungstechnisch realisiert sein, so dass die elektrische Spannung an der Antriebssteuerung weiterhin anliegen kann, eine Bewegung aber sicher zum Stillstand gebracht wurde. „Not-Aus“ schaltet zwar den Energiefluss sicher ab, führt aber nicht zwangsläufig zu einem sicheren Halt. So können ungebremste Vertikalachsen aufgrund der Schwerkraft bei sicher abgeschalteter Druckluft dennoch absinken.

Da die Not-Halt-Funktion manuell durch eine Person ausgelöst werden muss, ist sie als organisatorisch-technische Maßnahme mit entsprechend niedriger Priorität nach ISO 12100 unterhalb von technischen Schutzmaßnahmen und konstruktiven Änderungen einzustufen. Die Not-Halt-Funktion

  • muss jederzeit in allen Lebensphasen, Betriebsarten und Verwendungen der Maschine verfügbar sein,
  • muss so schnell wie möglich, aber ohne Erzeugung zusätzlicher Gefährdungen, wirken,
  • muss eine risikomindernde Wirkung haben,
  • muss steuerungstechnisch Priorität vor allen anderen Steuerungsfunktionen einer Maschine haben,
  • darf andere Sicherheitsfunktionen-auch in benachbarten Maschinen - nicht beeinträchtigen,
  • muss durch eine bewusste Handlung einer Person entriegelt und zurückgesetzt werden, wobei eine gefährliche Bewegung allein dadurch nicht unmittelbar gestartet werden darf,
  • muss die gesamte Maschine erfassen, es sei denn, dass dadurch Gefährdungen erzeugt werden,
  • muss so ausgelegt sein, dass eine Person die Not-Halt-Geräte ohne Überlegung als solche erkennt und jederzeit leicht betätigen kann; dazu muss der Betätiger rot sein und dessen Hintergrund gelb
  • soll nicht mit Text gekennzeichnet sein, sondern wenn erforderlich mit dem Symbol für Not-Halt.

Auf eine Not-Halt-Einrichtung darf nur dann verzichtet werden, wenn sie keinen Beitrag zur Risikominderung leistet, z.B. an handgeführten Elektrowerkzeugen.

Hinweise zur korrekten Auslegung von Not-Halt bzw. Not-Aus finden sich in 

  • DIN EN ISO 13850:2016, „Sicherheit von Maschinen – Not-Halt-Funktion – Gestaltungsleitsätze“
  • DIN EN 60204-1:2019, „Elektrische Ausrüstung von Maschinen – Allgemeine Anforderungen“

Für die Not-Halt-Funktion sind folgende Stopp-Kategorien vorgesehen:

  • Stopp-Kategorie 0: Stillsetzen durch sofortiges Unterbrechen der Energiezufuhr
  • Stopp-Kategorie 1: Gesteuertes Stillsetzen unter Beibehaltung der Energiezufuhr bis zum Stillstand, danach Unterbrechung der Energiezufuhr

Zusätzlich sieht DIN EN 60204-1:2019 als Steuerungsfunktion zusätzlich zum Not-Halt, vor:

  • Stopp-Kategorie 2: Gesteuertes Stillsetzen mit permanentem Beibehalten der Energiezufuhr

Das Starten der Maschine darf erst möglich sein, wenn alle der Maschine zugeordneten Not-Halt-Geräte entriegelt und quittiert sind.

Die Not-Halt-Funktion sollte mindestens Safety Performance Level PL c erreichen. Dazu kann ein 1-kanaliger Anschluss der Not-Halt-Geräte ausreichend sein. Die elektrische Reihenschaltung mehrerer Not-Halt-Geräte ist erlaubt. Elektrische Not-Halt-Geräte müssen konstruktiv zwangsöffnend mit Verriegelung ausgelegt sein.

Der Betätiger eines Not-Halt-Gerätes sollte in einer Höhe zwischen 0,6 m und 1,7 m über der Zugangsebene angebracht werden. Das Betätigen darf nicht mit einfachen Mitteln (z.B. Schutzkragen) behindert werden. Weder der Betätiger noch dessen Hintergrund sollten mit Text oder Symbol gekennzeichnet sein. 

Generell muss sich an jedem Bedienplatz ein Not-Halt-Taster befinden. In ausgedehnten Maschinenanlagen werden zusätzliche Not-Halt-Bediengeräte entlang von trennenden Schutzeinrichtungen gefordert, die sich in einem maximalen Abstand zueinander befinden. Alternativ können auch Reißleinen-Schalter verwendet werden, so dass schnelles Auslösen eines Not-Halt-Befehls möglich ist. Während DIN EN ISO 13850:2016 zum Abstand der Not-Halt-Taster untereinander keine genauen Angaben macht, fordert EN 415-10:2014 (Verpackungsmaschinen), dass eine Person nicht weiter als 5 m bis zum nächsten Not-Halt-Befehlsgerät gehen muss und sich Not-Halt-Taster deshalb in max. 10 m Abstand zueinander befinden sollten. Bei geraden Förderstrecken über 80 m Länge kann nach prEN 619:2018 (Stetigförderer) der Abstand auf bis zu 40 m vergrößert werden (max. 20 m Abstand zum Standort einer Person).

Zusätzliche Anforderungen an kabellose und tragbare Not-Halt-Einrichtungen finden sich in den o.a. Normen.

Der Wirkungsbereich eines Not-Halt-Befehlsgerätes sollte, soweit sinnvoll, über die einzelne Maschine hinausgehen und z.B. den gesamten Sichtbereich von der Position eines Not-Halt-Befehlsgeräts aus umfassen. Die Wirkungsbereiche verschiedener Not-Halt-Befehlsgeräte können sich überschneiden. Wenn ein Not-Halt-befehlsgerät nur auf einen beschränkten Bereich wirkt, so ist das entsprechend zu kennzeichnen. Leider ist in ISO 13850:2016 nicht klar definiert, wie dieser Markierung aussehen muss.

Um die Not-Halt-Verteilung über eine Einzelmaschine hinaus realisieren zu können, muss jede Maschinensteuerung ihr Not-Halt-Signal an eine übergeordnete Not-Halt-Zentralsteuerung übergeben und von dort ein Not-Halt-Signal empfangen können. Die übergeordnete Not-Halt-Zentralsteuerung ordnet jeder Maschinensteuerung eines oder mehrere ihrer eingehenden Not-Halt-Signale zu. Jede Maschinensteuerung braucht dazu bei klassischer Verdrahtung

  • einen zusätzlichen 2-kanaligen Sicherheits-Schaltausgang, der alle Not-Halt-Taster der Maschine verUNDet ⟹ Signal schaltet auf 0, wenn einer der Not-Halt-Taster betätigt wurde,
  • einen zusätzlichen 2-kanaligen Sicherheits-Eingang, der das Abschaltsignal von der übergeordneten Not-Halt-Verteilung in die eigene Maschinensteuerung integriert

oder einen Austausch über Sicherheitsbus.